Hatte man zuvor noch zumindest etwas Selbstbewusstsein, dann war das danach komplett zerstört. Man selbst war kaputt.
So geht es mir.
Das Mobbing in der Hauptschule und auch in der Ausbildung hat mich verändert.
Ich bin unsicher, zweifle ständig an mir. Traue mich nicht zu sagen, was ich denke. Ich halte lieber
meine Klappe. Im privaten wie auch im beruflichen Umfeld.
Ich traue den Menschen nicht mehr zu 100%, so wie ich es zuvor tat. Ich denke immer, gleich tu ich etwas, das nicht richtig ist, dann geht alles wieder von vorne los.
Seit der Ausbildung habe ich Angst vor jedem Job, vor jedem Fehler den ich dort machen könnte. Denn was ist, wenn ich wieder so behandelt werde, wie damals von meiner ehemaligen Chefin?
Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich zur Zeit arbeitslos bin. In den Einzelhandel möchte ich nicht mehr, weil mich das so fertig macht, da ich IMMER an die Ausbildung zurückdenke. Ich verbinde den kompletten Einzelhandel mit dieser schrecklichen Zeit.
Doch was tun, wenn nicht EH? Ich kann nur das.
Denkt daran, wenn ihr einen Menschen schlecht behandelt:
Es könnte ihn verändern, für immer. Es könnte ihn mehr verletzen, als ihr denkt. Ihr zerstört mit Mobbing und Hass so verdammt viel.
Nachdem ich die Hauptschule abgeschlossen hatte, bekam ich zum Glück auch direkt eine Ausbildungsstelle. Am 01.09 hab ich meine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel bei REWE begonnen. Anfangs war einfach alles super. Ich hatte wahnsinnig viel Spaß, wahnsinnig tolle Kollegen und eine echt super Chefin. Mit dieser hatte ich sogar privat was gemacht. Wir waren zusammen mit ihrem Mann sogar bei einem Fußballspiel. Die Harmonie hat ungefähr bis ins zweite Lehrjahr angehalten. Dann plötzlich veränderte sich die Chefin. Sie mobbte einfach alles und jeden, egal ob jung oder alt, egal ob die Mitarbeiter schon Jahre angestellt waren oder erst kürzlich zum Unternehmen kamen. Auch ich wurde nicht verschont, besonders ich nicht, sollte ich sagen. Es reichte schon aus, wenn man nicht eine Minute nach dem verräumen der Ware den Lieferschein kontrolliert hatte. ZACK! Man wurde regelrecht angeschrien, wieso das nicht unverzüglich erledigt wurde. Das man noch einen etwas längeren Weg von Kühlung bis zum Büro brauchte um es zu kontrollieren, das war völlig egal.
Nehmen wir mal Samstags als Beispiel. Jeder kennt das doch, Samstags ist in Supermärkten die absolute Hölle los. Jeder Verbraucher, der unter der Woche nach der Arbeit nur das nötigste kaufen wollte, nutz also den Samstag um wie Vorräte wieder aufzufüllen. Dementsprechend ist natürlich für uns Mitarbeiter auch an der Kasse viel los.
Wurde eine 2. oder 3. Kasse gerufen, wurde die 1. Kassiererin angemeckert, sie sollte doch ihren Arsch bewegen und schneller kassieren. Und all das wurde VOR den Kunden gemacht. Man wurde geradezu bloßgestellt. Es war einfach nur peinlich, denn die Kundschaft schaute einen dann natürlich mitleidig an.
Man konnte nichts dazu, wenn man 2. oder 3. Kasse war, aber laut der Chefin schon. Auch dafür wurde man dann angeschnauzt, direkt vor der Kundschaft.
So war es immer. Es wurde nicht im Büro unter 4 Augen geklärt, nein, sie machte es immer vor der Kundschaft. Das war mehr als nur erniedrigend.
War man krank, wurde man am Telefon angeschrien, man solle sich nicht so anstellen. Es wäre egal ob ich fast 40 °C Fieber hätte, damit könnte ich ja zumindest an die Kasse gehen.
VERDAMMTE SCHEIßE, WIR ARBEITEN MIT OFFENEN LEBENSMITTELN!
Sollte ich etwa jeden anstecken?? Das ging das letzte Ausbildungsjahr immer so weiter, sie mobbte uns, wo sie nur konnte.
Als es mir reichte, hatte ich dem Bezirksleiter davon erzählt. Aber welch Überraschung, er glaubte mir nicht, denn die Chefin war sein absoluter Liebling.
Ich war verzweifelt. Mehrmals drauf und dran, die Ausbildung abzubrechen.
Aber ich zog es durch. Ich arbeitete sogar nach meiner Ausbildung noch weitere zwei Jahre dort. Erst als meine Chefin wegen Burn Out ausfiel, traute ich mich zu kündigen. Sie war ja nicht da und bekam es nicht mit. Ich hatte noch 4 Wochen, bevor ich endlich verschwinden konnte.
Nur leider hieß es dann, sie kommt wieder zurück. Also ließ ich mich 3 Wochen aufgrund von Mobbing krankschreiben und war weg.
Es hat Ende 2006 angefangen. Meine Tante Moni, wie eine zweite Mutter für mich, ging mit starken Schmerzen im Nierenbereich zum Arzt. Ihr wurden Nierensteine diagnostiziert. Davon gingen dann natürlich auch alle aus, denn man denkt einfach nicht daran, das Ärzte sich irren oder eine Fehldiagnose machen. Tja, davon geht man aus .. Nachdem es sich ziemlich lange gezogen hatte mit den Schmerzen, bestand meine Mutter darauf, das Moni in die Röhre muss. Sie hat die Ärzte schon fast dazu gezwungen. Gut, Moni bekam dann auch eine Überweisung und hatte schnell einen Termin in der Klinik ..
Ich weiß es noch genau, so als wäre es gestern gewesen. Ich war gerade in meinem Zimmer und las ein Buch, als Mama und meine Schwester Jessy rein kamen, Mama mit verquollenen Augen und sagte, wir müssen reden. Es kam dann noch meine Schwester Sabrina dazu und dann saßen wir da, starrten Mama an, warteten gespannt darauf, was denn so schlimmes passiert sei.
"Moni hat Krebs. Bauchspeicheldrüsen Krebs. Man kann nichts dagegen tun. Wenn sie, wenn wir alle Glück haben, dann lebt sie vielleicht noch ein Jahr."
Es war ein Schock. Niemand wusste, was man jetzt am besten sagen sollte, wie am besten reagieren. Natürlich weinten wir viel, denn Moni war irgendwie auch so ein Mittelpunkt der Familie. Jeder liebte sie einfach. Mit ihren rot gefärbten Haaren, die sie immer schön gestylt hatte, war sie unsere Sonne. Immer gut drauf und auch immer für jeden da!
Am Anfang ging es ihr noch relativ gut, doch es gab auch sehr viele Tage, an denen sie einfach nur im Bett lag und nichts tun wollte. Es war einfach alles zu anstrengend. Moni wollte zuhause gepflegt werden, im gewohnten Umfeld, bei ihren geliebten Menschen. Meine Schwester Sabrina und meine Patentante kündigten ihre Jobs und pflegten ab dem Zeitpunkt meine Tante. So sehr liebten wir sie. Wir hätten alles getan, um sie glücklich zu machen. Sie sollte die Zeit die ihr noch blieb so "schön" wie möglich verbringen können. Wenn ich mit meinen 14 Jahren nicht gerade voll und ganz in der Schule eingespannt war, dann war ich auch immer bei ihr. Zum Glück wohnte sie nur eine Ortschaft nebendran. Wir aßen zusammen zu Abend, schauten TV oder lenkten sie einfach mit Geschichten und alltäglichen Geschehnissen von ihrem Leid, ihren Schmerzen ab. Bei Moni waren immer ihr Mann und ihre drei Kinder, meine Eltern und Schwestern und meine Patentante. Sie war nie alleine. Ich habe diesen Zusammenhalt bewundert. Natürlich musste jeder immer sehr Stark wirken, doch wenn wir ehrlich sind, dann ist jeder mehr als nur einmal zusammengebrochen, als die Tür ins Schloss fiel.
Was ich außerdem noch liebte war, was wir als Familie und die komplette Verwandschaft taten, um sie lächeln zu sehen.
Wir kauften ihr einen Stern am Himmel, überreichten ihr die "Urkunde" davon und dazu lief von DJ Ötzi "Ein Stern." Ich kann das Lied bis heute nicht hören, ohne zu weinen.
Wir haben große Laternen angezündet, Wünsche aufgeschrieben und diese zusammen in den Himmel entschweben lassen. Wir haben für sie den Garten komplett umgegraben und eine wunderschöne Terrasse gebaut, auf der sie bei schönem Wetter immer in der Sonne sitzen konnte.
Natürlich wollten wir viele schöne Dinge haben, an die wir uns noch erinnern konnten.
Doch dann kam der 29.07.2007.
Ich kam gerade von einem Geburtstagswochenende eines Freundes zurück, als meine Mama meinte, sie würde mich abholen, Moni geht es nicht gut.
Dort angekommen sah ich, was sie mit "nicht gut" meinte. Moni lag in einem art Wachkoma. Noch irgendwie anwesend, aber irgendwie auch nicht.
Sie hörte uns, aber reagierte nicht. Für mich war es unbegreiflich, wie es ihr nur jetzt so schlecht gehen konnte. Ein Woche zuvor meine der Arzt es würde bergauf mit ihr gehen! Wieso ging es ihr dann jetzt so schlecht?
Abends kam ein Arzt vorbei und sagte uns, sie würde die Nacht nicht überstehen, wir sollten uns verabschieden. Das taten wir.
Alle verließen den Raum, saßen vor dem Haus auf der Mauer oder auf der Treppe. Einzeln gingen sie rein, sprachen mit ihr, verabschiedeten sich.
Dann kam ich an die Reihe. Da ich mich alleine nicht traute, kam meine Mama mit. Sie blieb an der Tür stehen und ich ging zu Moni ans Bett. Ich kann noch auswendig, was ich zu ihr gesagt habe
"Hey .. Du hast es jetzt geschafft, bald bist du erlöst. Du kannst Alexandra Gesellschaft leisten, dann ist sie nicht mehr so alleine. Du warst die wundervollste Tante, die man sich je wünschen konnte. Hoffentlich sehen wir uns irgendwann wieder. Ich hab die so, so lieb, Moni."
Noch nie ist mir in meinem Leben etwas so schwer gefallen.
Wer Alexandra ist? Das war ihre Tochter, meine Cousine. Ich kannte sie nicht, denn Alexandra kam mit einer Behinderung auf die Welt und verstarb bereits mit 2 Jahren.
Moni schaffte nicht nur diese Nacht, nein, sie schaffte es bis zu der Nacht vom 31.07.2007.
Kurz nach 0 Uhr, am 01.08.2007 hörte Moni auf zu atmen. Man gab ihr ein Jahr, doch nach 4 Monaten verlor sie ihren harten Kampf.
Moni, meine wundervolle Tante.
Um noch einmal an sie zu denken, höre ich das Lied von der Beerdigung.
Es hat in der Hauptschule angefangen. Ich gehörte nicht gerade zu den beliebten Schülern. Im Gegenteil. Ich hatte Pickel, eine Zahnspange, dunkelblonde Haare die sich immer gekräuselt haben und trug auch nicht gerade Markenklamotten. Auf Partys ging ich auch nicht, rauchte nicht und war eher der schüchterne Typ. Zu meinen Freunden gehörten die anderen "Außenseiter." Wir hingen in den Pausen zusammen rum und waren füreinander da. Doch das half alles nicht wirklich viel, als Alper, ein Mitschüler begann mich zu hänseln. Es hat relativ "harmlos", so nennen es zumindest andere, angefangen. Er zog mir im Flur die Hose runter und rannte weg. War für mich schon die absolute Hölle, doch das sahen alle als übertrieben an. Mir war es peinlich, sehr peinlich. Alle lachten mich aus, die dabei waren. Denn nicht nur er mobbte mich, auch andere fingen hin und wieder an, mitzumachen.
Es ging weiter. Natürlich. Ich war das perfekte Opfer. Ich machte mich durch mein Verhalten selbst dazu. Er mobbte mich weiter, indem er mich beleidigte und mir Streiche spielte. Jeden verdammten Tag! Mich vor den anderen bloßzustellen war seine absolute Lieblingsbeschäftigung. Es gab immer irgendwas, womit er mich fertig machen konnte. Wieso eigentlich ich? Nur weil ich nicht so war wie alle anderen?
Nach der Schule lag ich oft in meinem Bett auf dem Bett und weinte, weinte, weil es einfach nicht aufhören wollte, weil niemand mir helfen konnte. Die Lehrer taten nichts dagegen, schauten einfach nur weg. Irgendwann dachte ich schon ich sei selbst Schuld an dem Mobbing, was nur dafür sorgte, das es mir noch schlimmer ging. Alper pinkelte sogar einmal in meine Flasche (ich trank Gott sei Dank nicht davon) woraufhin ich diesmal zur Direktorin ging. Er wurde von der Schule verwiesen, da er schon zuvor noch viele andere Dinge angestellt hat. Danach hassten mich viele. War mein Verhalten falsch? Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte. Wusste mich nicht anders zu wehren. Die Schulzeit war einfach die Hölle. Eine Erleichterung, als diese endlich endete.
Was mache ich hier bloß? Es gibt viele Dinge in meinem Leben, die mich belasten, die ich einfach nicht verarbeiten kann. Sei es, weil ich auch nach Jahren noch daran denken muss, oder weil ich mit niemandem darüber rede. Um meinen Kopf frei zu bekommen, werde ich darüber schreiben, in der Hoffnung das es hilft. Es wird eine Art der persönlichen Therapie für mich sein.
Aber es wird nicht nur um Probleme o.ä gehen, ich werde auch schöne Sachen festhalten, damit ich sie nicht so schnell vergesse. ♥